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Ernährungsmedizin: Gute Heilungschancen für Typ-2-Diabetes

Für Diabetiker mit Insulintherapie standen die Chancen noch nie so gut, den Spritzen ade zu sagen. Von Dr. med. Matthias Riedl, Diabetologe, medicum Hamburg

Dr. med. Matthias Riedl (Mitte) und sein Team.
© Medicum Hamburg

Mehr als 6 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einem Diabetes. Der Insulinverbrauch pro Kopf ist bei uns im Vergleich zu unserem Nachbarland Österreich doppelt so hoch. Dabei besteht Grund zur Hoffnung: Je kürzer die Diabetesdauer, desto größer sind die Heilungschancen. Dies belegt unter anderem eine Studie von Professor Roy Taylor, Universität Newcastle, aus dem Jahr 2013. Mit Hilfe einer radikalen Flüssignahrungs-Diät sanken die Blutzuckerwerte der Probanden innerhalb von 8 Wochen in den Normalbereich. 7 von 11 Patienten hatten auch drei Monate später noch normale Blutzuckerwerte. In weiteren Studien konnte Tyler feststellen, dass Diabetiker mit weniger als 4 Jahren Krankheitsdauer eine Remissionsrate von 87 Prozent erreichten. Für viele Diabetologen sind diese Ergebnisse nicht wirklich überraschend. Dass die Insulinresistenz beim Typ-2-Diabetes mit Hilfe gezielter Diäten eingedämmt werden kann, ist nachgewiesen. Beim Beginn einer Formula-Diät wird die Insulindosis in der Regel halbiert. Im Verlauf der Ernährungstherapie kann sie gänzlich unnötig werden. Sogar eine einfache Haferkur kann den Insulinbedarf um 10 bis 50 Prozent reduzieren, selbst wenn sie nur für ein Wochenende eingesetzt wurde. 

Kontrolle statt Heilung

Warum findet dieses Wissen in Deutschland bisher so wenig Anwendung? Zunächst einmal müsste eine Therapie bereits dann ansetzen, wenn der Blutzuckerwert deutlich erhöht ist, aber noch nicht die Diabetes-Schwelle erreicht hat. In diesem Stadium wäre die Remission eines Diabetes, möglicherweise für das ganze Leben, am effektivsten. In unserem Krankenkassensystem setzt die Behandlung erst dann an, wenn diese Schwelle bereits überschritten wurde. Die Therapie zielt darauf ab, den Diabetes zu kontrollieren anstatt ihn zu heilen. In den Diabetesschulungen beschränkt sich die Ernährungstherapie vorwiegend auf die Berechnung der Broteinheiten (BE) und die angemessene Insulin-Dosierung. Überraschenderweise spielt auch die Gewichtsoptimierung in der deutschen Diabetestherapie keine große Rolle.

Kein Geld von den Krankenkassen

Es wäre ein vielversprechender Ansatz, bei neu manifestiertem Diabetes neben dem Einsatz von Metformin (orales Antidiabetikum bei Typ-2-Diabetes) eine Ernährungsanalyse nebst Coaching folgen zu lassen, um die bestehenden Remissionschancen auch zu nutzen. Doch dafür fehlen im Gesundheitssystem unter anderem die notwendigen Honorierungsmöglichkeiten. Ohne das Angebot der Kostenübernahme durch die Krankenversicherer ziehen die wenigsten Patienten diese Möglichkeit in Betracht. Notwendige Ernährungsanalysen und -therapien müssen weitgehend selbst bezahlt werden.

Professionelle Hilfe nötig

Der Diabetologe Stefan Martin, Direktor des westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums in Düsseldorf, hat die Studienergebnisse Prof. Tylers in seiner Praxis mit Erfolg umgesetzt: Eine Diabetikerin, seit Jahren übergewichtig und mit einer intensivierten Insulintherapie behandelt, verlor durch eine Formula-Diät und Umstellung der Ernährung ihr Übergewicht und gleichzeitig auch die Indikation für die Insulintherapie. Für sie war besonders wichtig, dass Hoffnung bestand, an ihrer Situation etwas zu ändern. Die Aussicht auf Heilung macht Diabetikern offenbar Mut, kurzfristig auch eine radikale Diät durchzuhalten. Die langfristige Ernährungsumstellung dagegen sollte keine Quälerei sein. Unter der Aufsicht qualifizierter Ernährungsmediziner lassen sich ohne zu Hungern nachhaltige Erfolge erzielen. Auch wenn die Ernährungsempfehlungen logisch und einfach erscheinen, sind sie ohne professionelle Hilfe meist nicht erfolgreich. Lieb gewonnene Gewohnheiten und Vorlieben für bestimmte Speisen sollten im Coaching-Prozess optimiert werden. Prinzipiell sollten nur die Bereiche durch Nahrungsalternativen verändert werden, die den größten Effekt versprechen.

Mehr Eiweiß

Welche Ernährungsgewohnheiten in den meisten Fällen zu ändern sind, zeigt der Blick auf die deutschen Verzehrgewohnheiten. Viele Menschen essen trotz der Kohlenhydrat-Stoffwechselstörung Diabetes viel zu viele Kohlenhydrate. Was dagegen fehlt, ist eine ausreichende Menge Eiweiß. Die empfohlene Proteinaufnahme von 1,2 g pro kg Körpergewicht wird hierzulande meist weder von Männern noch von Frauen erreicht. Dabei bietet Eiweiß gleich mehrere Vorteile: Es führt zu einer geringeren Auslenkung des Blutzuckers und spart damit das dickmachende Insulin. Eiweiß enthält weniger Kalorien als Fett und verbraucht mehr Energie. Der große Pluspunkt des Eiweißes ist jedoch die starke Sättigung. Um eine Diät erfolgreich durchhalten zu können, muss jeglicher Hunger vermieden werden. Proteinarme Mahlzeiten führen nach 2 bis 3 Stunden nicht selten zu Heißhungerattacken. Diese werden mit einer geregelten Eiweißaufnahme vermieden.

Medikamentöse Unterstützung

Von medikamentöser Seite bekommen Heilungsversuche des Diabetes derzeit ebenfalls Rückenwind: Das Inkretinmimetikum „Liraglutid" wurde jüngst zur Adipositastherapie zugelassen. Es kann helfen, pro Jahr fast 8 kg an Gewicht zu verlieren. Damit kann die Ernährungsumstellung nicht nur durch eine Formula-Diät, sondern auch medikamentös verankert werden. Gewichtsneutrale Antidiabetika wie Metformin und Gliptine können mit Gliozinen und Inkretinmimetika kombiniert werden. Bei gleichzeitigem Einsatz einer gezielten Ernährungstherapie zur Gewichtsreduktion wird Insulin dann immer häufiger überflüssig – ein Traum vieler Diabetiker.

Dr. Matthias Riedl ist Mitglied bei PRIMO MEDICO, dem exklusiven Netzwerk medizinischer Spezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

 


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